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Datenschutz-Update: Was Wikipedia über dich weiß

10.Juni 2014 - Gastbeiträge -

Wikipedia

© Wikimedia Foundation

Wieder einmal haben sich wichtige Regeln der großen Online-Enzyklopädie geändert: Seit Freitag, dem 6. Juni, gilt eine neue Datenschutzrichtlinie für Wikipedia und ihre Schwesterprojekte. Diese soll transparent machen, welche Informationen die Wikimedia-Stiftung über ihre Besucher speichert und wann sie an Dritte weitergegeben werden. Trotz der aufwändigen Vorbereitung hagelt es nun Beschwerden bei Wikipedia-Gründer Jimmy Wales.

Aber der Reihe nach: Wikipedia zählt zu den am häufigsten besuchten Webseiten der Welt, hierzulande liegt die freie Enzyklopädie deutlich vor Webgrößen wie Yahoo oder T-Online. Ihre Leser und Autoren genießen traditionell ein hohes Maß an Datenschutz. So verlangt Wikipedia zum Beispiel für die Registrierung eines Benutzerkontos nicht einmal die E-Mail-Adresse, was bei Facebook und Co. unvorstellbar wäre. Niemand muss seinen echten Namen preisgeben, jeder kann sich mit einem Pseudonym beteiligen. (Gleichwohl ist es für Unternehmen sinnvoll, ihren Firmennamen im Profil anzugeben.)

Maske von Guy Fawkes. Ein Foto von Ben Fredericson (2009), via Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY 2.0

Aber natürlich hat die wohlige Anonymität auch ihre Grenzen: Wenn Benutzer in Wikipedia einen Selbstmord ankündigen, mit mehreren Konten gleichzeitig diskutieren oder Sperren umgehen, können IP-Adresse und andere Daten von Benutzern abgefragt werden. Dafür gibt es sogenannte CheckUser – in der deutschsprachigen Wikipedia sind das gerade einmal vier Benutzer, die ihre Rechte nur auf ausdrücklichen Wunsch einsetzen.

Interessen von Wikimedia

Natürlich hat aber auch Wikimedia ein Interesse daran, möglichst viele Daten über ihre Leser und Autoren zu sammeln. Nur so kann sie erfahren, warum Freiwillige das Projekt verlassen oder welche Probleme Besucher vielleicht mit der Suchfunktion haben. Die Betreiber verwenden für Wikipedia und die Schwesterprojekte natürlich nicht einfach Google Analytics, allenfalls kommt bei einigen lokalen Fördervereinen die Open-Source-Alternative Piwik zum Einsatz. Stattdessen beschäftigt Wikimedia knapp ein Dutzend Mitarbeiter für die Aufgabe, mit eigener Software Daten über die Community zu sammeln.

Die Regeln, welche den Datenschutz in Wikipedia und Co. betreffen, stammten aus dem Jahr 2008 – damals war die Enzyklopädie und die Organisation dahinter längst nicht so bedeutend wie heute. Daher haben die Verantwortlichen im letzten Jahr einen neuen Entwurf für die Richtlinie vorgelegt, den die Community ausführlich diskutiert und verbessert hat. Natürlich spielten die Enthüllungen von Edward Snowden dafür eine große Rolle, denn auch Wikimedia erhält gelegentlich Anforderungen zur Herausgabe von Daten an US-Behörden.

Kein Verkauf von Daten

Die neue Datenschutzrichtlinie soll vor allem die Verständlichkeit der Regeln verbessern. Dabei gibt es zwei gravierende Neuigkeiten: Bisher wurden von der Richtlinie nur Cookies und die IP-Adresse der Leser und Autoren erfasst, nun informiert das Regelwerk auch über Tracking-Pixel und Informationen, die auf mobilen Endgeräten gesammelt werden. Das ist beispielsweise der ungefähre Standort eines Nutzers, wenn Wikipedia-Artikel zu Orten oder anderen Themen in der Nähe gesucht werden.

How Wikipedia Works. Ein Foto von Victorgrigas (2011), via Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY-SA 3.0

Darüber hinaus stellt Wikimedia in der neuen Richtlinie klar, dass es Nutzerdaten nie an Dritte verkaufen wird – erst recht nicht, um diese für Werbung zu verwenden. Zwar war das schon immer gegen die fundamentalen Werte der Stiftung, es wurde aber trotzdem nicht ausdrücklich ausgeschlossen. Mit der neuen Datenschutzrichtlinie werden sogenannte Data Retention Guidelines eingeführt: Dort kann jeder nachlesen, wie lange Informationen über Autoren und Leser auf den Servern der Stiftung gespeichert werden.

Beschwerde bei Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

In den meisten Fällen beträgt die Frist 90 Tage. Danach löscht oder anonymisiert Wikimedia die IP-Adresse und die Angaben, welche Artikel gelesen wurden. Über letzteren Punkt ist in den letzten Tagen ein Streit entbrannt: Vielen Wikipedia-Autoren war bislang nicht bewusst, dass Wikimedia auch erfassen darf, welche Artikel ein angemeldeter Autor betrachtet – und das unter Umständen sogar zeitlich unbegrenzt, befürchten die Autoren.

Da dies Rückschlüsse auf persönliche Interessen zulässt, haben sich einige Benutzer bei Jimmy Wales beschwert. Dieser wusste zunächst nicht, ob Wikimedia die Möglichkeiten der Data Retention Guidelines tatsächlich ausschöpft oder sich nur das Recht für den Fall der Fälle zugesichert hat. Erst später stellte ein Mitarbeiter klar, dass derzeit nicht erfasst wird, welcher angemeldete Benutzer welchen Artikel liest – und trotzdem bleibt die Regel Teil der neuen Richtlinien. Die deutsche Community wehrte sich bereits 2012 gegen eine derartige Überwachung, jedoch stieß der Protest nicht auf Gehör bei Wikimedia.

 

Markus FranzÜber den Autor

Markus Franz ist geschäftsführender Gesellschafter von Sucomo. Mit seinem Team hilft er kleinen und großen Unternehmen, die Welt des freien Wissens und besonders Wikipedia ein Stück besser zu verstehen. Er erklärt die offiziellen und inoffiziellen Richtlinien, sodass Unternehmen an der Enzyklopädie mitarbeiten können, ohne es sich mit der Community zu verscherzen – ob absichtlich oder unabsichtlich.

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